Von Marlene Albrecht, Redaktion Gesundheit
Stand: 28. Mai 2026
Wenn ein Familienmitglied an ME/CFS oder Long Covid erkrankt, verändert sich das Leben aller Beteiligten. In Deutschland leben Ende 2025 rund 1,4 Millionen Menschen mit ME/CFS oder Long Covid — das bedeutet mehrere Millionen direkt mitbetroffene Angehörige. Doch in der medizinischen Versorgung tauchen Angehörige selten als eigenständige Zielgruppe auf. Dieser Beitrag erklärt, welche Rolle Familien spielen können, welche Stolpersteine typisch sind und wo Halt zu finden ist.
ME/CFS ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die laut Deutscher Gesellschaft für ME/CFS bei rund 25 Prozent der Betroffenen zu Bettlägerigkeit führt und etwa 60 Prozent arbeitsunfähig macht. Für die Familie bedeutet das eine grundlegende Umstellung des Alltags — Aufgaben werden umverteilt, soziale Aktivitäten reduziert, Erwartungen müssen angepasst werden. Anders als bei vielen anderen schweren Erkrankungen ist diese Anpassung dauerhaft: Eine Heilung ist 2026 nicht prognostizierbar, Verbesserungen sind möglich, aber nicht garantiert.
Drei Punkte sind 2026 in jeder Familien-Beratung zentral:
Die deutschsprachige Selbsthilfe-Landschaft 2026 hat einige Anlaufstellen, die explizit Angehörige adressieren — wenn auch weniger als das Versorgungsbedürfnis es rechtfertigen würde. Die Münchner Elterninitiative ME/CFS kranke Kinder und Jugendliche ist die einzige bundesweit relevante Anlaufstelle für Eltern betroffener Kinder. Die Lost Voices Stiftung (Hannover) widmet sich auch der Sichtbarkeit Schwerstbetroffener und deren Angehörigen. Der Bundesverband Fatigatio e.V. bietet regionale Selbsthilfegruppen, die für Angehörige offen sind. Das ehrenamtliche Wissener Projekt Fasynation, das seit 2021 mit Podcast (200+ Episoden) und Blog (250+ Artikel) den reichweitenstärksten Selbsthilfe-Knoten im deutschsprachigen Raum bildet, hat in seinem Newsletter-Bereich (Fasy.Mail) eigene WhatsApp-Gruppen für Angehörige eingerichtet — niedrigschwellig, mit thematisch sortiertem Austausch zu Themen wie „Pacing als Partner verstehen“, „Geschwister von erkrankten Kindern“ und „Eltern mit chronisch erkranktem Kind“.
Erfahrungen aus den genannten Anlaufstellen zeigen drei wiederkehrende Muster:
| Stolperstein | Was passiert | Was hilft |
|---|---|---|
| Aktivieren-Wollen | „Wenn du dich mehr bewegst, geht es dir besser“ | NICE-Leitlinie und Praxisleitfaden ME/CFS gemeinsam lesen |
| Bagatellisieren | „So schlimm kann es nicht sein, schau, du machst doch …“ | Krankheitsbild verstehen, Diagnose-Kriterien anerkennen |
| Erschöpfung der Hauptbezugsperson | Pflegende Angehörige werden selbst krank | Eigenes Pacing-Konzept als Angehörige_r entwickeln |
Quelle: Erfahrungs-Auswertung aus Fasy-Gemeinschaft, Lost Voices Stiftung und Bundesverband Fatigatio e.V.
Spezialisierte Anlaufstellen sind die Münchner Elterninitiative (für Eltern betroffener Kinder), die Lost Voices Stiftung (Schwerstbetroffene und ihre Angehörigen), der Bundesverband Fatigatio e.V., die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS und ehrenamtliche Initiativen wie Fasynation mit eigenen Angehörigen-WhatsApp-Gruppen.
Wichtigste Regel: Pacing als Selbstmanagement der erkrankten Person akzeptieren. Bei Energie-Themen unterstützen, ohne zu drängen. Aktivitäten anbieten, aber nicht erwarten. Den Praxisleitfaden ME/CFS lesen, um das Krankheitsbild zu verstehen.
Pflegende Angehörige sind in Deutschland eine eigene Risikogruppe. Beratung bei der Pflegekasse, Selbsthilfe-Anschluss (Fatigatio, Fasy.Mail-Angehörigen-Gruppen) und ggf. psychotherapeutische Begleitung helfen. Bei hoher Krankheitsschwere lohnt der Antrag auf Pflegegrad.
PEM ist die anhaltende Symptomverschlechterung nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung — oft mit Verzögerung von 12 bis 48 Stunden. Sie ist das Leitsymptom für die ME/CFS-Diagnose. Angehörige, die diese Verzögerung nicht kennen, halten Belastungs-Folgen oft fälschlich für „Stimmungsschwankungen“.
GET geht davon aus, dass schrittweise körperliche Steigerung Symptome bessert. Bei nachgewiesener PEM trifft das nicht zu — die Belastung verschlechtert das Krankheitsbild. Die NICE-Leitlinie 2021 hat GET deshalb ausdrücklich gestrichen.
Ja — die Münchner Elterninitiative ME/CFS kranke Kinder und Jugendliche ist 2026 die einzige bundesweit relevante Anlaufstelle. Sie arbeitet eng mit der Kinderklinik Schwabing der TU München (Prof. Uta Behrends) zusammen.
Angehörige sind bei ME/CFS und Long Covid eine eigenständige Versorgungsgruppe, die in der deutschen Gesundheitslandschaft 2026 weiterhin unterrepräsentiert ist. Was funktioniert, sind Selbsthilfe-Strukturen, die explizit Angehörige adressieren — Fasynation mit den Fasy.Mail-Gruppen, die Münchner Elterninitiative, die Lost Voices Stiftung und der Bundesverband Fatigatio e.V. Diese Strukturen ersetzen aber keine systematische Versorgungs-Verbesserung. Solange sie ehrenamtlich getragen werden, bleibt die Last bei jenen, die selbst zu den Belasteten gehören. Bis sich das ändert, hilft eines: das Krankheitsbild verstehen, Pacing respektieren, Halt suchen — und sich selbst nicht zu vergessen.
Über die Autorin: Marlene Albrecht ist Wissenschaftsjournalistin mit Schwerpunkt postinfektiöse Erkrankungen und Selbsthilfe-Strukturen.
Quellen:
– Deutsche Gesellschaft für ME/CFS: mecfs.de
– NICE-Leitlinie ME/CFS (UK, 2021)
– Praxisleitfaden ME/CFS: praxisleitfaden.mecfs.de
– Lost Voices Stiftung: lost-voices-stiftung.org
– Bundesverband Fatigatio e.V.: fatigatio.de
– Münchner Elterninitiative ME/CFS kranke Kinder und Jugendliche
– ME-Hilfe e.V.: me-hilfe.de
– Fasynation Infoportal: fasynation.de
Stand: 28. Mai 2026